Transkulturelle Beratung, was bedeutet das eigentlich?
Stellen Sie sich vor, Sie werden plötzlich aus Ihrem gewohnten Umfeld gerissen.
Von einem Tag auf den anderen müssen Sie alles zurücklassen, was Ihnen vertraut ist. Ihre Heimat, Ihre Sprache, Ihre Kultur, Ihr soziales Umfeld, alles verschwindet ohne Vorbereitung. Oft bleibt keine Zeit für Abschiede oder Verarbeitung. Entscheidungen entstehen nicht aus freiem Willen, sondern aus Not, Angst oder existenziellen Bedrohungen.
Aus politischen, wirtschaftlichen oder sicherheitsrelevanten Gründen gelangen Menschen in ein neues Land, das Schutz und Stabilität versprechen soll. Doch dieser Weg ist für viele Betroffene kein hoffnungsvoller Neubeginn, sondern häufig ein tief einschneidender Bruch in der eigenen Lebensgeschichte.
Emotional bedeutet dieser Prozess für viele Menschen eine massive Erschütterung ihres inneren Gleichgewichts. Migration unter solchen Umständen kann traumatische Spuren hinterlassen. Es geht nicht nur um Belastung, es geht oft um den Verlust von Sicherheit, Identität, Zugehörigkeit und Kontrolle über das eigene Leben.
Viele Menschen erleben dabei einen starken Akkulturationsstress. Sie stehen unter dem Druck, sich an eine neue Gesellschaft anzupassen, während sie gleichzeitig versuchen, ihre kulturelle Identität zu bewahren. Dieser innere Spagat kann zu tiefen Identitätskonflikten führen. Fragen tauchen auf, die das eigene Selbstbild erschüttern können:
Wer bin ich noch, wenn ich meine Herkunft nicht mehr so leben kann wie früher?
Wo gehöre ich hin?
Bin ich hier fremd oder bin ich es inzwischen auch dort, wo ich ursprünglich herkomme?
Parallel dazu durchlaufen viele Betroffene intensive Verlust- und Trauerprozesse. Es sind nicht nur Orte oder Menschen, die verloren gehen. Oft verschwinden vertraute Lebensstrukturen, soziale Rollen, Gemeinschaftsgefühle und das Gefühl von Heimat. Diese Verluste sind für das Umfeld häufig unsichtbar, wirken jedoch tief in der emotionalen Erlebniswelt weiter.
Hinzu kommt ein dauerhafter Unsicherheits- und Anpassungsdruck. Menschen müssen sich in einer Gesellschaft zurechtfinden, deren Sprache, soziale Regeln, Werte und nonverbale Ausdrucksweisen ihnen fremd sind. Gleichzeitig entsteht häufig das Gefühl, sich selbst neu definieren zu müssen, um akzeptiert zu werden.
Viele Betroffene befinden sich dadurch über lange Zeit in einer inneren Suchbewegung, auf der Suche nach einem Zuhause, das nicht nur ein Ort ist, sondern ein Gefühl von Sicherheit, Zugehörigkeit und innerer Stabilität. Oft geht diese Suche auch mit der Frage nach einer neuen oder erweiterten Identität einher; Wie kann ich meine Vergangenheit, meine Kultur und mein neues Leben miteinander verbinden?
Diese komplexen inneren Prozesse zeigen, wie tief Migration und kulturelle Übergänge das menschliche Erleben beeinflussen können.
Genau hier setzt die transkulturelle Beratung an.
Was bedeutet transkulturell?
Transkulturell bedeutet für mich, Menschen in ihrer gesamten kulturellen, religiösen, sozialen und individuellen Vielfalt wahrzunehmen und zu verstehen. Es bedeutet, über kulturelle Grenzen hinweg zu denken und Menschen nicht auf Herkunft oder kulturelle Zuschreibungen zu reduzieren, sondern sie als ganzheitliche Persönlichkeiten zu sehen.
In der Beratung im transkulturellen Setting ist es meine Aufgabe als Beraterin, die Emotionen meiner Klientinnen und Klienten wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Dabei setze ich mich bewusst mit unterschiedlichen Kulturen, Religionen, Werten und auch Spiritualitäten auseinander.
Was für uns möglicherweise als ungewohnt oder fremd erscheint, kann in einer anderen Kultur eine tragende Lebensweise sein. Transkulturelle Beratung bedeutet deshalb auch, diese Unterschiede verstehen zu wollen, ohne Bewertung.
Halt und Verständnis als Grundlage von Integration
Menschen, die sich in einer neuen Gesellschaft zurechtfinden müssen, stehen vor enormen Herausforderungen. Neben organisatorischen und sprachlichen Hürden stehen häufig tiefgehende innere Prozesse im Vordergrund.
Viele Betroffene kämpfen mit Fragen wie:
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Werde ich akzeptiert?
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Passe ich in diese Gesellschaft?
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Darf ich so sein, wie ich bin?
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Muss ich meine Herkunft zurücklassen?
Integration beginnt aus meiner Sicht nicht in erster Linie gesellschaftlich, sondern persönlich. Integratives Arbeiten bedeutet, gemeinsam Wege zu finden, mit Ängsten, Unsicherheiten, Verlustgefühlen und Identitätsfragen umzugehen.
Diese innere Integration bildet die Grundlage dafür, auch gesellschaftliche Integration überhaupt möglich zu machen.
Kulturen als wertvolle Ressource
Ich vertrete persönlich die Haltung, dass Kulturen, die uns prägen, tausende Jahre Geschichte in sich tragen. Unsere Lebensweisen, Werte und Überzeugungen entstehen durch kulturelle, geografische, soziale und teilweise auch genetische Einflüsse.
Diese Prägungen lassen sich nicht einfach verändern und das sollten sie auch nicht.
In der transkulturellen Beratung geht es nicht darum, kulturelle Identität abzulegen.
Vielmehr sehe ich meine Aufgabe darin, gemeinsam mit meinen Klientinnen und Klienten Ressourcen aus diesen kulturellen Erfahrungen zu erkennen und zu stärken.
Der Mensch als entwicklungsfähiges Wesen
Für mich steht jeder Mensch als Individuum im Mittelpunkt mit seiner Geschichte, seinen Erfahrungen und seinem kulturellen Hintergrund.
Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch grundsätzlich die Fähigkeit zur Entwicklung und Integration besitzt. Diese Entwicklung wird jedoch stark davon beeinflusst, ob ein Mensch mit seinem gesamten Sein wahrgenommen wird.
Berührungsängste zwischen Kulturen können diesen Prozess erschweren.
Gleichzeitig sind diese Ängste häufig individuell geprägt und können durch Begegnung, Verständnis und Offenheit überwunden werden.
Psychologische Beratung als sicherer Raum
Für mich ist psychologische Beratung ein offener Raum. Ein Ort, an dem Menschen mit ihren Geschichten, kulturellen Hintergründen und Erfahrungen ankommen dürfen, ohne Erwartungen, ohne Vorurteile.
Denn im Innersten bleibt der Mensch vor allem eines: Mensch.
Ein Mensch, der Ressourcen in sich trägt.
Ein Mensch, der wachsen möchte.
Ein Mensch, der sich entwickeln will, wenn er gesehen, verstanden und angenommen wird.
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