Eine persönliche Einordnung aus meiner Arbeit als psychosoziale Beraterin
Warum mich der Begriff Trauma innehalten lässt
In meiner Arbeit begegne ich dem Begriff Trauma immer häufiger. Er taucht in Gesprächen auf, in Coachings, auf Social Media , oft schnell, oft beiläufig.
Und genau das lässt mich innehalten.
Nicht, weil Menschen nicht leiden.
Sondern weil Trauma kein leichtes Wort ist.
Trauma ist nicht jedes belastende Erlebnis
Für mich ist Trauma nicht einfach ein belastendes Erlebnis. Nicht jede schwierige Kindheit, nicht jede Trennung, nicht jede Überforderung ist automatisch ein Trauma. Belastungen wirken nicht objektiv ,sie treffen auf sehr unterschiedliche innere und äussere Voraussetzungen. Was für den einen Menschen gut verkraftbar ist, kann für einen anderen bereits überwältigend sein.
Was ich meine, wenn ich von „damit umgehen können“ spreche
Wenn ich davon spreche, dass jemand mit einer Situation „umgehen konnte“, meine ich damit nicht Stärke, Disziplin oder Reife. Ich meine innere und äussere Ressourcen. Zum Beispiel eine Person, die Halt geben konnte, das Gefühl nicht allein zu sein, Worte für das Erlebte zu haben oder überhaupt zu wissen, dass Gefühle da sein dürfen.
Solche Ressourcen sind nicht selbstverständlich. Sie entstehen in Beziehung , oder sie fehlen eben.
Wenn Überleben wichtiger ist als Verarbeiten
Wer nie erlebt hat, dass Gefühle aufgefangen werden, kann sie später nicht einfach „abrufen“. In akuten Situationen steht dann nicht Verarbeitung im Vordergrund, sondern Überleben. Der Körper schaltet auf Schutz; Gefühle werden abgespalten, der Mensch passt sich stark an oder zieht sich innerlich zurück. Das passiert nicht bewusst, sondern automatisch.
Genau hier entsteht Trauma; nicht, weil jemand zu schwach war, sondern weil keine inneren Werkzeuge zur Verfügung standen.
Warum ich mit dem Wort Trauma sehr vorsichtig bin
Deshalb bin ich sehr vorsichtig mit dem Wort Trauma. Es kann entlastend sein, Dinge einzuordnen. Es kann aber auch verunsichern oder überfordern. Wer Trauma benennt, öffnet innerlich oft eine Tür und nicht jede Tür sollte ohne Schutz und Stabilität geöffnet werden.
Was ich in der psychosozialen Beratung häufig begleite: Muster
In der psychosozialen Beratung arbeite ich häufig mit sogenannten Mustern. Das sind erlernte Verhaltensweisen oder innere Haltungen wie starkes Funktionieren, Konfliktvermeidung, das Gefühl immer verantwortlich zu sein oder sich selbst zurückzunehmen.
Diese Muster hatten einmal einen Sinn. Sie haben geholfen, sich anzupassen oder durch schwierige Zeiten zu kommen.
Der entscheidende Unterschied zwischen Muster und Trauma
Der entscheidende Unterschied ist; Diese Muster sind im Hier und Jetzt gut besprechbar. Menschen bleiben dabei ansprechbar, im Kontakt mit sich selbst und mit mir. Reflexion, neue Perspektiven und kleine Veränderungen sind möglich.
Wo für mich als Beraterin eine klare Grenze liegt
Ich achte sehr genau darauf, wo diese Grenze verläuft. Wenn jemand im Gespräch den Kontakt zu sich verliert, sich innerlich wie „weg“ anfühlt, stark überflutet wird oder der Körper sehr heftig reagiert, dann braucht es einen anderen Rahmen. Dann geht es nicht mehr um Verstehen oder Einordnen, sondern um Stabilität und Sicherheit.
Kann psychosoziale Beratung mit Trauma arbeiten?
Aus meiner Sicht ist die Antwort differenziert. Ja, psychosoziale Beratung kann Menschen mit traumatischen Erfahrungen begleiten. Zum Beispiel im Alltag, in Beziehungsfragen, bei Orientierung, Selbstfürsorge oder Entscheidungsprozessen.
Was sie nicht leisten sollte, ist die eigentliche Traumaverarbeitung. Diese braucht einen klar geschützten therapeutischen Rahmen, spezielles Wissen und ausreichend Zeit für Stabilisierung.
Beratung und Therapie, kein Gegensatz
Beratung und Therapie stehen für mich nicht in Konkurrenz. Im Gegenteil; Sie können sich sehr gut ergänzen, wenn die Grenzen klar bleiben.
Meine professionelle Haltung
Auch mit einer fundierten Ausbildung ist es mir ein zentrales Anliegen, meine fachlichen Grenzen bewusst wahrzunehmen und einzuhalten. Ich arbeite nicht isoliert, sondern tausche mich regelmässig mit Kolleginnen und Kollegen aus therapeutischen Fachrichtungen aus, hole mir Rückmeldungen ein und lasse mich beraten, wenn Situationen komplex werden.
Nicht aus Unsicherheit, sondern aus Respekt vor der Tiefe menschlicher Erfahrungen und aus Verantwortung gegenüber den Menschen, die mir ihr Vertrauen schenken.
Dieser Text ersetzt keine therapeutische Abklärung oder Behandlung, sondern dient der Einordnung aus psychosozialer Beratungsperspektive.
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